Kann der stationäre Detailhandel den Herausforderungen trotzen?

Detailhandel: Stationär oder online?

Der Schweizer Detailhandel hat nach dem ersten Lockdown von Mitte März bis Anfang Mai eine sehr erfreuliche Entwicklung erlebt. Gemessen am Zahlungsvolumen mit Bargeld, Debit- und Kreditkarten gab die Schweizer Bevölkerung seither durchschnittlich 7.0 Prozent pro Woche mehr aus als noch in den ersten 11 Wochen dieses Jahres. Wird dabei die Saisonalität von Konsumausgaben mit Bargeld und Debitkarten berücksichtigt – von Januar bis Mitte März werden mit diesen Zahlungsmitteln durchschnittlich knapp 6 Prozent weniger als im Jahresschnitt ausgegeben –, resultiert ein Plus von gut 2 Prozent. Welche Bereiche haben von der Konsumfreude der Schweizer Bevölkerung überdurchschnittlich profitiert, und wer hat Anteile eingebüsst?

Hohe Auslastung beim Versandhandel

Ausgelöst durch den Lockdown erlebte der Onlinehandel im März und April 2020 ein ausserordentliches Hoch. Dieses war stark im Nahrungsmittelbereich zu spüren, wo sich die Lieferzeiten zwischenzeitlich um mehrere Tage verlängerten. Aber auch die Paketlieferdienste, die den Versand anderer Warengruppen übernahmen, waren mehr als ausgelastet, wodurch die Onlinekonsumenten deutlich länger als üblich auf die bestellten Produkte warten mussten. In dieser Zeit wurde in der Schweiz das erste Mal überhaupt kurzzeitig mit den Kreditkarten mehr Geld für den Onlinehandel ausgegeben als im stationären Handel und für persönliche Dienstleistungen (siehe Abbildung).



«Ferien zu Hause» stützt die Konsumausgaben

Trotz des zusätzlichen Booms im Onlinehandel, der in der letzten Dekade auch so schon jedes Jahr Wachstumsraten von durchschnittlich 8 Prozent erzielte, hat sich der stationäre Handel eindrucksvoll erholt: Seit der ersten Maihälfte 2020 wurden hier im Wochenmittel rund 376 Millionen Franken mit Kreditkarten ausgegeben (Stand: 19. November 2020). Die durchschnittlich ausgegebene Summe im Onlinehandel lag seither im Schnitt bei 127 Millionen Franken.
Es gibt primär zwei Gründe dafür, dass der stationäre Detailhandel bisher ohne einschneidende Verluste durch die Corona-Pandemie gekommen ist: Erstens wurde weniger Ware im ausländischen E-Commerce bestellt; die Ausgaben über diesen Bestellweg liegen derzeit um 29 Prozent tiefer als noch vor der Krise. Zweitens wurde auch weniger im ausländischen stationären Detailhandel gekauft, da Einkaufstourismus teilweise nicht möglich war und die Schweizerinnen und Schweizer in diesem Jahr weniger Ferien im Ausland gemacht haben. Stattdessen wurden die Gelder vorwiegend für den privaten Konsum diesseits der Landesgrenzen eingesetzt.

Die Konsumfreudigkeit der Schweizerinnen und Schweizer sorgt also für hohe Einnahmen bei vielen Detaillisten, persönlichen Dienstleistern und Gastrobetrieben. In dieses Fazit ist aber miteinzubeziehen, dass die wichtigen Einnahmen durch die ausländischen Touristen und Touristinnen vielerorts weggebrochen sind. Die Zahl der Logiernächte von Gästen aus dem Ausland lag im Juni und Juli 2020 rund 78 Prozent tiefer als in den beiden entsprechenden Vorjahresmonaten. In vielen Städten und Tourismusdestinationen, die im Sommer üblicherweise ausländische Touristinnen und Touristen anziehen, fehlen wichtige Einnahmen.



Die Ausnahmesituation in diesem Jahr hat dazu geführt, dass bei verschiedenen Warengruppen besonders viel konsumiert wurde. So haben Detailhändler, die Informations- und Kommunikationstechnikgeräte anbieten, mit 12.4 Prozent ein besonders grosses Umsatzplus erzielt. Auch der Verkauf von Haushaltsgeräten, Textilien, Heimwerker- und Einrichtungsartikeln ist um 10.0 Prozent angestiegen. Einbussen mussten dagegen vor allem Bekleidungs-, Schmuck- und Uhrenläden (–8.8 Prozent) sowie Verlagsprodukte, Sportausrüstungen und Spielwaren (–3.3 Prozent) verzeichnen.

E-Commerce fordert den stationären Detailhandel weiter heraus, ersetzt ihn aber nicht

Während sich der stationäre Detailhandel immerhin schon wieder erholt hat, wird der Onlinehandel in diesem Jahr sogar ein grosses Umsatzplus verbuchen können. Neben dem Trendwachstum kommen die Mehreinnahmen zur Zeit des Lockdowns dazu. Das Wachstum könnte zudem an Dynamik gewinnen, sind doch viele Personen in den vergangenen Monaten erstmals mit dem E-Commerce in Kontakt gekommen und haben erfahren, dass das Bestellen von Waren im Internet sehr bequem sein kann. Nichtsdestotrotz wurde in den letzten Monaten deutlich, dass der stationäre Detailhandel seine Daseinsberechtigung nicht verloren hat. Seine Vorzüge – die Schaffung von Erlebnissen, die Möglichkeit der physischen Begutachtung sowie der soziale Nutzen – wurden nach dem Lockdown von vielen Konsumenten wieder speziell wertgeschätzt.

 

Our next topic: Welche Erfolgsfaktoren für den stationären Detailhandel aktuell besonders wichtig sind und welche Faktoren auch langfristig weiter an Bedeutung zulegen könnten, haben wir am 9. Dezember 2020 im Rahmen von «Our next topic» mit Experten diskutiert. Schauen Sie sich hier die Aufzeichnung an.

 


Detailhandel: Weitere Informationen

Weitere Informationen und Analysen zum stationären Detailhandel finden Sie im Immo-Monitoring 2019 | 1 (Herbstsausgabe). Hier geht’s zur Bestellung.

Die aktuellsten Einschätzung rund im den Geschäftsflächenmarkt finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Immo-Monitorings (Ausgabe 2021 | 1, Herbstausgabe). Hier geht’s zur Bestellung.

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Autoren

Robert Weinert

Leiter Immo-Monitoring und Director bei Wüest Partner (Mitarbeiter seit 2010); Dr. oec. (HSG); Schwerpunkte und Tätigkeitsgebiete: Markt und Research, Leiter der Publikation «Immo-Monitoring», Immobilienmarktforschung und -beobachtung, angebots- und nachfrageseitige Prognosen, Daten- und Informationsmanagement, Strategieberatung
robert.weinert@wuestpartner.com

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