Wird die Covid-19-Pandemie Architektur und Design nachhaltig verändern?

Architektur

Aufgrund der vollzogenen Maßnahmen in Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie am Anfang diesen Jahres wurden viele Menschen mit einer Umkehrung des öffentlichen und privaten Raums konfrontiert. Auch wenn vieles wieder seinen „normalen“ Weg geht und zwischendurch die „Corona-Beschränkungen“ sichtlich reduziert wurden, ist den meisten Menschen bewusst, dass sich (räumlich) vermutlich dauerhaft gewisse Dinge ändern werden. Die wenigsten Menschen wünschen sich langfristig zuhause auf kleinsten Raum zu leben und den halb-öffentlichen bzw. öffentlichen Raum (fast) nicht mehr nutzen zu können. Nicht zum ersten Mal bewegen äußere Umstände Entwürfe und Projekte in der Architektur und Innenarchitektur.

Wohnen

In den letzten beiden Jahrzehnten waren im Bereich Wohnen vor allem offene Grundrisse mit fließenden Räumen gewünscht.  (Auch, wenn dies nicht überall umgesetzt werden konnte.) Von der Eingangstür kann mehr oder weniger direkt das Schlafzimmer betreten werden. Trennwände zwischen Eingang, Flur, Küche und Wohnzimmer sind reduziert worden und teilweise nicht mehr vorhanden. Oft ist sogar der Schlafzimmerbereich nur mit einer großen Schiebetür von den restlichen Räumen getrennt.


Architektur
Grasmann Architekten, Wohnungsgrundriss in Berlin Prenzlauer Berg

Zukünftig wird von vielen Architekten eine Umkehr zur Möglichkeit von stark räumlich und akustisch trennbaren Flächen prophezeit. Grundsätzlich werden Wohnungen vermutlich wieder deutlicher in „halb-privat“ und „privat“ getrennt. In Zeiten von Covid-19 ist sowohl Zuhause, als auch im Büro, kein fließender Übergang mehr zwischen draußen und drinnen gefragt. Im eigenen Zuhause werden als Übergang von draußen nach drinnen inzwischen eine Art Ganzkörper-Desinfektionsschleusen, wo man Kleidung und Schuhe und andere verunreinigte Gegenstände stehen lassen kann, gewünscht.  In anderen Kulturen wie z.B.  in Japan ist eine solche Übergangszone bereits lange Konzept.


Architektur
Solarbetriebener Desinfektionscontainer «sun2MobiDes» von meeco

Manche Architekten vermuten, dass Wohnflächen (wieder) stärker in 3 Bereiche getrennt werden. Der abgeschlossene Eingangsbereich als Schleuse, der halb-private Bereich (Flur, Gäste-WC, Wohnen, Küche, Esszimmer) in direkter Nähe zum Eingang kann auch von Gästen genutzt werden, der private Bereich mit akustisch getrennten Schlafzimmern, Arbeitszimmern und Badezimmern wird nur den eigentlichen Bewohnern der Wohneinheit vorbehalten sein. Gemäß dem ukrainischen Architekten Sergey Makhno wird dem Arbeitsbereich vermutlich nicht nur ein Schreibtisch in einer dunklen Ecke eingeräumt, sondern wird von vorneherein ein großzügiger trennbarer Raum mit komfortablen Möbeln geplant. Außerdem wird in Zukunft eine Wohnfläche ohne Außenbereich wie Garten, Terrasse oder Balkon schwerer veräußerbar sein.

Büroräume

Über die zukünftige Bürogestaltung bzw. den Bedarf an Büroflächen in Zeiten von home office gehen die Meinungen der Marktteilnehmer auseinander. Auf der Plattform MarketWatch sind Immobilienexperten zu finden, die den kompletten Niedergang des Großraumbüros aufgrund von remote working voraussagen und dann wieder Andere, die auch in Zukunft keinen Nachfragerückgang nach großen Büroflächen sehen.

Wie beim Wohnen war die Devise der letzten Jahrzehnte weg von kleinen Parzellenbüros hin zu großflächigen offenen Büroflächen mit großzügigen Meetingbereichen und einigen wenigen abgeschlossenen Besprechungräumen. Die wenigen zur Verfügung stehenden kleinen Einzelbüros wurden meist der Chefetage zugesprochen. Gemäß vorliegenden Architektenmeinungen werden sich nicht all diese Büroflächen von Grund auf ändern. Eventuell wird es bereits im Eingangsbereich die Möglichkeit zum Händewaschen und zur – desinfektion geben. Vermutlich werden die Laufzonen breiter werden, die Meetingbereiche weniger dicht möbliert und auch die Tische mit größerem Abstand zueinander gestellt werden, um die nötige Distanz zu Kollegen zu ermöglichen. Architekt Paul Ferro von ‚Form4 Architecture’ prophezeit z.B. die Rückkehr von Cubicles, den Büroboxen mit halbhohen Trennwänden zu allen benachbarten Kollegen. Seiner Meinung könnte sich der 120°-Tisch in Großraumbüros durchsetzen.

Sehr wahrscheinlich werden sich großzügige Schreibtische mit großem Abstand zu anderen und genügend Frischluftzufuhr  in den Büros durchsetzen. Die Zukunft des Großraumbüros bedeutet wohlmöglich in noch größere Flächen für weniger Mitarbeiter zu investieren, wobei diese wiederum auch unterteilt werden können, so dass nicht alle Mitarbeiter miteinander in Kontakt kommen. Weiterhin werden auch hier die Flächen stärker in externe Zonen für Besucher und interne Zonen für Mitarbeiter unterteilt werden, um die Möglichkeit zu geben, den Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen zu reduzieren.

Öffentlicher Raum

Wie muss sich der öffentliche Raum verändern, um auch in Zukunft physischen Abstand und dennoch Kontakt zwischen den Menschen zu ermöglichen? Werden in Zukunft wieder mehr Fußgängerzonen entstehen und gefordert?

Im öffentlichen Raum musste vor allem schnell reagiert werden, um uneingeschränkte Bewegung mit der nötigen Distanz zu anderen zu ermöglichen. In Großstädten wie Berlin wurden öffentliche Flächen umgenutzt um mehr freien Raum für die Einwohner zu bieten. Es entstanden Pop-Up-Radwege und Spielstraßen. Gemäß Felix Weisbrich, dem Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes in Friedrichshain-Kreuzberg, besitzen über 40% der Haushalte in Berlin kein Auto. Die Menschen bekamen die Möglichkeit der „kontaktlosen“ Fortbewegung ohne Stau oder Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die temporären Radwege sollten dauerhaft eingerichtet werden, jedoch sind diese im September 2020 vom Verwaltungsgericht Berlin als rechtswidrig erklärt worden. Anfang Oktober hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg in einem Eilverfahren entschieden, dass die Pop-up-Radwege vorerst bleiben dürfen. Die weitere Entwicklung bleibt spannend.


Architektur
FixMyBerlin: Po-Up-Radwege in Berlin

Ein weiteres Beispiel mit einfachen Mitteln öffentlichen Raum zu verändern ist das Research-Projekt des niederländischen Architektur- und Stadtplanungsbüros ‚Shift’. Um den Besuch von den üblichen großen Wochenmärkten in Großstädten zu vermeiden und trotzdem den Einkauf von frischem Obst und Gemüse etc. zu ermöglichen, schlägt das Büro vor, viele kleine Mikromärkte auf öffentlichen Plätzen in jedem Viertel zu eröffnen. Im Projekt ‚Hyperlocal Micromarkets in shutdown realities’ wird die Marktfläche in 16 quadratische Felder mit maximal 3 anschließenden Marktständen unterteilt. Diese verkaufen unterschiedliche frische Nahrungsmittel. Es gibt einen Eingang und einen Ausgang und es können sich maximal sechs Menschen gleichzeitig auf der abgegrenzten Marktfläche aufhalten. Um einen schnellen Verkaufsablauf zu ermöglichen, sollen Kombi-Pakete anstatt einzelne Produkte verkauft werden.


 

Architektur
Hyperlocal Micromarket – Shift architecture urbanism

Viele andere Projekte sind in diesem Bereich entstanden und viele kreative Ideen sind umgesetzt worden. Wer kann sich nicht vorstellen dauerhaft auf seiner eigenen kleinen privaten Bühne das Konzert auf der Hauptbühne zu betrachten?


Sam Fender Konzert in der Virgin Money Unity Arena Im Gosforth Park in Newcastle, England

Wie sich die Architektur durch die Corona-Pandemie langfristig verändern wird, werden wir vermutlich erst in ein paar Jahren erfahren. Vom Entwurf bis zur Verwirklichung eines Projektes können bekanntlich Jahre vergehen. Jedoch konnten bereits kleinere Projekte und Experimente/ Recherchen verwirklicht werden. Man kann zumindest auf kreativer Ebene auf weitere positive Effekte durch die Covid-19-Pandemie hoffen.

CoronaCrisisKruk

Das niederländische Büro ‚Object Studio’ hat eine Sitzbank entworfen, die die neuen Abstandsregeln berücksichtigt. Die Bank ermöglicht Menschen sich in einem Abstand von 1,5 Metern zu setzen und auch mal wieder mit Fremden eine Konversation zu starten. Die Bank wurde bisher sechsmal im Amsterdamer Noorderpark plaziert.


CoronaCrisisKruk von Object Studio

«In the No-Stop-Home-Office walls are not borders these days, but become connecting lines.»

Architekt Florian Bengert hat am Anfang der Pandemie im März dieses Jahres auf verschiedenen Plattformen aufgerufen, die durch die Covid-19-Pandemie veränderte Arbeitslandschaft im Grundriss zeichnerisch darzustellen. Er hat rund 800 Einsendungen aus der ganzen Welt erhalten. Damit hat er ein großes Cluster aus heimischen Arbeitsplätzen erschaffen. Angelehnt an das Projekt „No-Stop City” von Archizoom aus dem Jahr 1969 hat er mit den erhaltenen Grundrissen eine Zeichnung mit dem Namen „No-Stop Home-Office“ collagiert. Er untersucht mit seiner Arbeit was in Krisenzeiten Architektur auch ohne bauliche Maßnahmen leisten kann. Die Arbeit konnte bisher u.a. in München, Karlsruhe, Basel und Lille betrachtet werden  und wird sich demnächst wieder auf Reisen begeben.


Grafik: Florian Bengert

Quellen:
Baunetz-id.de; architekturgalerie-muenchen.de; detail.de; Newyorker.com; dezeen.com; archdaily.com; marketwatch.com; shift-au.com; object-studio.com; fixmyberlin.de


Weitere Informationen

Lezter Blogbeitrag: Kreislaufwirtschaft: Strategien im Umgang mit Bestandsbauten

Weitere aktuelle Themen finden Sie in der neuen Immo-Monitoring Herbstausgabe 2021.


Autoren

Dušanka Maličević

Consultant bei Wüest Partner seit 2019, Dipl.-Ing. Architektin, Schwerpunkte und Tätigkeitsgebiete: Bewertung von Einzelliegenschaften und Immobilienportfolios, Bewertung von Fondsimmobilien im In- und Ausland, Bewertung nach deutschen und internationalen Verfahren
dusanka.malicevic@wuestpartner.com

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