Coronavirus: Wertschöpfung und Geschäftsmieten

Geschäftsmieten und Covid-19

Kürzlich haben sich die Rechtskommission des Ständerats und die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats mit der Frage der Geschäftsmieten in Zeiten der COVID-19-Krise befasst. Auch wir haben uns mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt. Unser Ziel war es, eine statistische Grundlage zu bilden, die den Zusammenhang zwischen der Betroffenheit der Branchen (durch die Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus) und den Geschäftsmieten aufgezeigt. Dabei spielt die Branchenwertschöpfung eine zentrale Rolle. Die Wertschöpfung ist die Differenz aus Umsatz und Vorleistung, und wird verwendet für die Bezahlung von Löhnen, Mieten und Schuldzinsen sowie Abschreibungen und Firmengewinne.

Jede 5. Arbeitsstelle ist direkt betroffen

Wüest Partner schätzt, dass vor den ersten Lockerungen der Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus (d.h. vor dem 27. April 2020)  etwas mehr als jede fünfte Arbeitsstunde nicht geleistet werden konnte. Etwa gleich hoch fällt der Wertschöpfungsausfall aus. Darin sind auch Zweitrundeneffekte aufgrund der tieferen Nachfrage berücksichtigt, weil Personen, die weiterhin arbeiten können, weniger Umsatz pro Beschäftigten erzielen, als dies sonst der Fall wäre. Dies zeigt sich am Beispiel einer Zahnarztpraxis. Auch wenn während des Lockdowns noch jede dritte Arbeitsstunde geleistet wird, sinkt die Wertschöpfung auf 10% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, weil mit Notfallbehandlungen nur ein Bruchteil des normalen Umsatzes erzielt werden kann.

Es ist nicht offensichtlich, weshalb der direkt von den Massnahmen des Bundes ausgelöste Beschäftigungsausfall gleich hoch ist wie der Wertschöpfungsausfall, obwohl nur bei Letzterem ein Rückgang des Umsatzes pro Beschäftigten berücksichtigt wurde. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Betroffenheit je nach Wertschöpfung: Während etwa die Produktion der wertschöpfungsstarken Pharmabranche kaum eingeschränkt ist, trifft die Krise viele (bereits vor Corona) ertragsschwache Branchen deutlicher. Die folgende Abbildung veranschaulicht, dass von der aktuellen Wirtschaftskrise Branchen mit einer tiefen Wertschöpfung pro Beschäftigten tendenziell stärker betroffen sind als Branchen mit einer hohen Wertschöpfung.

 


Geschäftsmieten und Wertschöpfung


 

Branchen mit einer tendenziell schwächeren Wertschöpfung verfügen oft über einen kleineren finanziellen Spielraum zur Begleichung der Fixkosten in Krisenzeiten. Die Reserven ergeben sich durch die gängigen Margen und die üblichen Gewinne. In der Gastronomie etwa ist die Anzahl der Konkurse relativ hoch, ebenso die Betroffenheit durch Corona. Darüber hinaus zeigt die nächste Abbildung, dass viele Betriebe mit grosser Betroffenheit einen relativ grossen Anteil ihrer Wertschöpfung zur Begleichung der Geschäftsmieten aufwenden.


 


 

In der zweiten Abbildung wird die Betroffenheit über die Geschäftsmieten abgebildet. Gemessen wird pro Branchengruppe der Anteil der Geschäftsmieten, die für Flächen bezahlt werden, deren Betrieb als direkte Folge der Massnahmen des Bundes nicht wie vorgesehen verwendet werden können. Die in den Abbildungen gezeigten Zusammenhänge ergeben sich aus drei Gründen:

  • Erstens beeinträchtigt das «Social Distancing» insbesondere Betriebe, die auf viele Begegnungen angewiesen sind wie Coiffeursalons oder Physiotherapien. Die damit geforderte gute Erreichbarkeit ihrer Geschäfte und der Bedarf an Begegnungsraum ist mit hohen Mietkosten verbunden.
  • Zweitens ist der Anteil der vermieteten Geschäftsräume bei Betrieben wie jenen des Detailhandels hoch. Einerseits sind an attraktiven Fussgängerzonen die Immobilienpreise so hoch, dass die Geschäftsbetreiber in der Regel nicht die Eigentümer der Liegenschaft sind. Andererseits ist der Vermietungsanteil dort hoch, wo ein aufgrund finanziell tiefer Reserven ein hohes Konkursrisiko herrscht.
  • Drittens geht eine relativ tiefe Wertschöpfung mit einem relativ tiefen Lohn einher. In Branchen wie etwa dem Gastgewerbe ist der Anteil der Wertschöpfung, welcher nicht für Löhne, sondern für Mieten ausgegeben wird, oftmals überproportional hoch.

Fazit zu den Geschäftsmieten

Die starke Betroffenheit des Detailhandels und des Gastgewerbes ist kein Novum. Dieser Beitrag verdeutlicht nun aber statistisch zwei Aspekte: Erstens weisen diese beiden Branchen auch im Normalfall wertschöpfungsbedingt eine finanziell vulnerable Natur auf. Und zweitens wenden sie einen überdurchschnittlichen Anteil ihrer Wertschöpfung für Mieten auf. Die aktuelle Frage nach den Geschäftsmieten bleibt auch vor diesem Hintergrund relevant.

 

Hier geht es zur interaktiven Visualisierung unserer Abschätzungen und zum Methodikbeschrieb: https://wp-corona.dataview.ch/

Einen weiteren Blogbeitrag zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus finden Sie hier.


Autoren

Authors - Portrait Jörg Schläpfer

Jörg Schläpfer

Leiter Makroökonomie und Manager bei Wüest Partner (Mitarbeiter seit 2015); Dr. sc. ETH, MA HSG; Schwerpunkte und Tätigkeitsgebiete: Makroökonomie, Immo-Monitoring, Regressionsanalysen, wissenschaftliches Publizieren, politisches Geschehen.
joerg.schlaepfer@wuestpartner.com

Das ist Daniel Meister von Datahouse.

Daniel Meister

CTO und Senior Expert bei Datahouse (Mitarbeiter seit 2005); MSc ETH; Schwerpunkte und Tätigkeitsgebiete: Daten und Analysen, Entwicklung, Umsetzung und Automatisierung von statistischen Modellen, Beratung & Projektleitung; technische Gesamtverantwortung Software-Entwicklung und Betrieb.
daniel.meister@datahouse.ch

Die Übersicht über alle Blog-Autoren finden Sie hier.

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